Wir brauchen solche Helden nicht
02.04.2012 | Dr. Frank Pommer (Die Rheinpfalz) | 0 Kommentare
Ende April wird der RING Halle Ludwigshafen in der Saalestadt fortgesetzt (nach Ludwigshafen kommt die Produktion am 26. und 28. Oktober). Regie führt Pfalzbau-Intendant Hansgünther Heyme, mit dem sich Frank Pommer über den vermeintlichen Helden Siegfried unterhalten hat.
Wir haben Halbzeit beim „Ring“. Die „Walküre“ endete ja in einer Art Katastrophe, nicht nur für Siegmund und Sieglinde, sondern auch für Wotan. Heißt die Hoffnung nun Siegfried?
Ja, erst einmal heißt bei Wagner die Hoffnung eindeutig Siegfried. Wobei mit Siegfried auch Brünnhilde gemeint ist. In dem Paar liegt die Hoffnung der Welt. Der Mann Siegfried alleine reicht dazu nicht aus. Mit Siegfried wird auch die Figur des Wotan nochmals ganz entscheidend aufgewertet, denn Wotan ist ja der Inthronisator Siegfrieds. Wotan ist der Theatermacher in „ Siegfried „. Wotan bringt Sieglinde, die Mutter des Helden, den Waldvogel – auf die Szene. Wotan zieht die Theater-Prospekte zu Siegfrieds Initiations-Riten : den Drachen.
Ist Siegfried denn dann so eine Art Erlöser- oder Messiasfigur?
Na ja, das geht ja dann sofort schief. Aber mit dem Ende der Oper Siegfried, mit diesem lang anhaltenden Jubel in C-Dur, ist das sicherlich erst einmal so gedacht – und ich will das auch genau so erarbeiten.
Ist er denn auch ein neuer Mensch, ein Vertreter jener künftigen Generation nach dem Weltenbrand der „Götterdämmerung“?
Er gehört noch der alten, der Wotan-Welt an. Er ist die große Hoffnung dieser alten Welt, der alten Vorstellungen von Macht und durch Generationsabfolgen gesicherter Herrschaft.
Aber diese alte Ordnung scheitert dann doch im Grunde auch in Siegfried?
Das ist völlig richtig, aber am Ende dieses Teils des „Rings“ sieht das alles noch ganz anders aus.
Brauchen wir solche Helden eigentlich noch? Solche brutalen, bisweilen tumben Haudraufs?
Nein, zweifelsohne nicht, und heute schon gleich gar nicht, aber auch schon zur Entstehungszeit der Oper brauchte man solche Helden nicht. Und gerade auch wir Deutschen brauchen derartige Helden nicht. Das erlöst uns aber nicht von der Hoffnung, dass Siegfried ein neues Menschenbild verkörpert, voller Reinheit, das noch nicht beschmutzt und verdreckt ist von dem Streben nach Macht, nach Geld, nach Gold. In Siegfried selbst ist eine große Sehnsucht, zu erfahren, wo er herkommt. Er kennt weder Vater noch Mutter, ist einfach in die Welt geworfen und soll nun tätig werden, soll die Welt von allem Schmutz brutaler Politik befreien. Es gibt bei Wagner keinen Grund, diesen reinen Toren als Tölpel, als brutalen Haudrauf zu sehen.
Welches Siegfried-Bild hat denn der Kostümwettbewerb ergeben, den sie ausgeschrieben hatten?
Wir haben ja 180 Einsendungen. Der älteste Teilnehmer war 96 Jahre alt, der jüngste sechs. Es haben fast alle Teilnehmer sich des Helden verweigert. Und das entspricht in hohem Maße meinem Meinen, meinem Konzept. Zum Helden wird man heute, wenn man in der U-Bahn hilft. Man wird zum Helden durch eine Tat, aber nicht durch Muskeln, durch Dummheit, durch Blondheit. Gewonnen hat nun ein Kostüm, das sich jeglicher Heldenfixierung verweigert und das mir genügend Freiraum gibt, damit umzugehen. Siegfried sieht also eher unspektakulär aus, trägt Hemd, Hose, Jacke, Schuhe und ein Schwert. Alle Einsendungen haben, auch in ihren Textbegründungen – klar gemacht, dass ein Held heute vielleicht ein japanischer Feuerwehrmann in Fukushima sein kann, aber niemals ein Kamikazeflieger.
Nach der düsteren Stimmung der „Walküre“ mit ihren vielen Toten ist der „Siegfried“ ja eher ein helles, zum Teil sogar ein sehr witziges Stück. Wird man das ihrer Regie auch anmerken?
Ich versuche in aller Literatur, egal, was ich mache, alle Ansätze von Humor aufzugreifen, deutlich zu machen. Jeder dialektische Widerspruch gegen plumpe Eindeutigkeit ist ein Labsal auf der Szene. In großen Texten sind dies Kostbarkeiten welche es zu heben, zu verdeutlichen gilt. Und solche Kostbarkeiten gibt es haufenweise in Wagners „Siegfried“. Im ersten Akt ist Siegfried eine Eichendorffsche Figur, ein Taugenichts eben, der trotzdem, oder gerade deswegen auserkoren ist, die Welt zu verändern. Von solchen reinen, also unschuldig-naiven, Versuchen die Welt zu verändern, haben wir in der deutschen Literatur sehr viele. Konfrontiert mit realer Politik – werden sie missbraucht, korrumpiert. Solche großen törichten Hoffnungsträger sind nie dumm, nicht einmal einfältig. Sie sind offen, ohne Haut, ohne Wissen um die Intrigen der Welt. Siegfried wird bereits in der ersten Begegnung mit realpolitischer Brutalität, mit Hagen, mit Gunther – in Worms – getötet, missbraucht, geschlachtet. Aber das ist ja dann schon die Situation zu Beginn der „Götterdämmerung“.
Dieses Interview wurde am 31.03.2012 in der Zeitung “Die Rheinpfalz” veröffentlicht.
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